Etwas in mir hatte das Fühlen verlernt. Von dem Augenblick an, als ich den Telefonhörer auf die Gabel zurückgelegt hatte, verweigerte mein Körper jede Gefühlsregung. Da war nichts. Nur eine riesige Stille, die wie klare, dünne Bergluft in mir lag. Als ich das Café betrat, zwang ich mich wie so oft in den letzten Tagen, zu denken: Ich weiß: Der Tod hat kein System. Es ist alles nur Zufall. Aber mein Gehirn konnte nicht aufhören, Gründe zu suchen, wollte verstehen. "David!" Sie eilte auf mich zu. Sie trug bequeme aber schwarze Kleidung und ihre Haare waren zu einem wirren Knödel gebunden. Sie umarmte mich, löste sich aber gleich wieder von mir, als hätte sie etwas Verbotenes getan. Ich dachte an das Haus, in das sie vor kurzem eingezogen war. Ich versuchte, mir das Kinderzimmer vorzustellen, das jetzt von einer unendlichen Leere erfüllt sein musste, eine Leere, die durch nichts rückgängig zu machen war, die immer da sein würde, wie eine unheilbare Krankheit.
21.7.15 22:32


vom werden

sechs sein und mir wegen einem luftballon den arm brechen
sieben sein und schulkind

dreizehn sein und eine rose verschenken
vierzehn sein und vom singen träumen
fünfzehn sein und das erste date beim kebapstand erleben
sechzehn sein und rote haare haben
siebzehn sein und das träumende, sehnsuchtsvolle mädchen werden
achtzehn sein und irgendwie dreads haben
neunzehn sein und maturieren
zwanzig sein und erkennen, was freiheit bedeutet
einundzwanzig sein, und eine noch größere freiheit finden
zweiundzwanzig sein und eingelebt
dreiundzwanzig sein und wachsen
21.7.15 22:25


Als er nach Hause kam, roch es nach gebratenem Fisch im Stiegenhaus. Er blieb eine Weile auf dem Treppenabsatz stehen um sich auszuruhen und sog die duftende Luft wie Rauch in seine Lungen. Sie machte ihn hungrig und ließ ihn an eine kleine Küche denken, in der er als siebenjähriger oft gesessen war, an einem Holztisch auf dem immer Buntstifte und ein verwelkender Blumenstrauß standen. Auf eine seltsame Art und Weise beruhigte es ihn, hier in diesem sonnigen Stiegenhaus an einem Samstagmittag zu stehen und an diese zwei Dinge zu denken. Irene fiel ihm ein, obwohl er nicht genau wusste, warum. Ihr Atem hatte immer leicht nach Rotwein, und manchmal auch nach Schokolade gerochen. An dem Nachmittag aber, an dem er sie zuletzt gesehen hatte, roch er nach gar nichts. Ihm fiel das Licht in ihrem Wohnzimmer ein, es war ein kaltes Wintermorgenlicht gewesen, das fahle Sonnenstreifen auf die Teppiche warf. In einem dieser Streifen hatte sie gestanden, mit dem Messer in der Hand, das sie aus der Küche geholt hatte, um den Kuchen in 13 genau gleichgroße Stücke zu schneiden, weil Kinder ja meist einen großen Sinn für Gerechtigkeit haben, wie sie ihn eine Stunde zuvor belehrt hatte.

21.7.15 22:11


#1
Was die Welt halbwegs erträglich macht:
Dass in aller Grausamkeit auch simple Poesie liegen kann. (Eine Leiche, die unbemerkt in der Dämmerung langsam eingeschneit wird.)


#2
Manche Dinge beruhigen dich sofort.
Der Mond wird von der Sonne erhellt.
Ein Vater, der völlig unterbezahlt Konzerte spielt, um seine vier Kinder durchzubringen.


#3
Wir sind meistens übers Feld gegangen, obwohl mir der Weg über die Hauptstraße immer kürzer vorgekommen ist. Weit war es nie. Ich erinnere mich nur an schöne Tage, mit Sonne und viel lauer Luft, durch die wir Sauerrampfer kauend gegangen sind.
Die Schule hat immer gleich gerochen.

#4
Wir sitzen auf ihrem Sofa in ihrer kleinen, von Bergen umgebenen Wohnung. Der Tag ist warm gewesen, die drückende Schwere ist noch immer da.
Wie immer verliere ich im Uno.

#5
Die Sehnsucht nach dem Alltag am Land mit einem Balkon, auf dem selbst gezüchtete Pflanzen stehen. Und der Traum, irgendwann ein altes Bauernhaus zu kaufen, zu zweit, es eigenhändig zu renovieren. Ein kleines Zimmer würde voller Bücher sein und voll warmer Aprilsonne.

#6
Die Ehe als Statussymbol und wahrscheinlich schämt er sich insgeheim für seine misratene Familie.

#7
Manchmal sind Menschen eklig und manchmal fühlt man sich wohl unter ihnen.

#8
Und dass man in Wahrheit nie so schön wie im Spiegel ist.

21.7.15 22:03


Als ob ich davonschweben würde. Als ob mein Körper im Wasser läge, am Rücken, Toter Mann, und ich ihn einfach davongleiten ließe. Wo mir der Kopf steht weiß ich nicht und was ich fühlen soll und wie ich meine Gedanken einordnen und kategorisieren und verstehen soll. Die immergleichen, ewigen, zu lauten, nicht zu stoppenden Gedanken.



Ein Leben möchte ich, ein volles, kein halbleeres mehr. Eine Sprache will ich finden, in Bildern und vielleicht wieder in Worten. Gestern Nacht ist mir diese Idee gekommen. Das Fenster war offen, die Bettdecke zu warm und auf einmal war da der Wunsch, zu schreiben. An die kleine begonnene Geschichte mit dem Stiegenhaus in dem es nach Fisch riecht hab ich denken müssen. Und an den kleinen Moment im Bus mit dem Goldfischmädchen. Vielleicht wird das Schreiben mich heilen. Vielleicht auch nicht.
21.1.15 21:39











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